Originaltitel : Searching for Sugar Man

Herstellungsland : Großbritannien/Schweden

Erscheinungsjahr : 2012

Regie : Malik Bendjelloul

Darsteller : Sixto Rodriguez, Mike Theodore, Dennis Coffey, Clarence Avant, Stephen 'Sugar' Segerman, Craig Bartholomew Strydom, Eva Rodriguez u.a.

Laufzeit : 83 Minuten

Freigabe : FKS 0

Label : Rapid Eye Movies

Story :

Anfang der Siebziger Jahre nimmt Sixto Rodriguez, ein junger Singer-Songwriter aus Detroit, zwei LPs auf. Trotz beachtlichen Talents bleibt der Erfolg aus. Rodriguez hängt seine Musiker-Karriere an den Nagel und schlägt sich als Bauarbeiter durch. 
Und dann passiert das Unfassbare: Quasi hinter seinen Rücken werden seine Platten in Südafrika millionenfach verkauft. Ohne jemals davon zu erfahren, ist Rodriguez in Südafrika DER Superstar der Seventies, in einer Linie mit den Beatles, den Stones und Jimi Hendrix. 
Doch genaueres weiß man nicht. Rodriguez bleibt ein Phantom. Er soll gestorben sein. Über seinen Tod zirkulieren die ärgsten Gerüchte. 
Dieser Film geht den Gerüchten auf den Grund und fördert eine Überraschung zu Tage ...

Bewertung :

Musik-Dokus sind eigentlich nichts besonderes und über fast jeden berühmten Künstler wurde schon eine Dokumentation gedreht.
Mit den Veröffentlichungen von ANVIL und ROCKSTEADY - THE ROOTS OF REGGEA hat das Kölner Label Rapid Eye Movies schon in der Vergangenheit bewiesen, das sie ein glückliches Händchen haben was eher ungewöhnliche Musik-Dokumentationen anbelangt.
Auch SEARCHING FOR SUGAR MAN steht dem in nichts nach und bietet dem Fan wohl eine DER unglaublichsten und ungewöhnlichsten Geschichten auf diesem Sektor.
In der Dokumentation über den Ausnahme-Musiker Sixto Rodriguez wird dem Zuschauer bewußt gemacht das es keines Drehbuchautors aus Hollywood bedarf um eine packende Geschichte zu überliefern - das Leben selbst schreibt die größten und besten Geschichten!

"Sugar Man, wont you hurry, 'cos im tired of these scenes For a blue coin wont you bring back, all these colors to my dreams. Silver magic ships you carry, Jumpers,Coke,sweet Mary Jane "

Sixto Rodriguez, Sohn einer mexikanischen Immigranten Familie, verbrachte seine Jugend auf den schroffen Straßen von "Motor City" Detroit. Seine erste Single, die "I'll slip away" hieß, nahm er unter dem Pseudonym Rod Riguez bereits 1967 auf.
Das Pseudonym diente dazu in den wenig liberalen USA seine mexikanische Herkunft zu verschleiern.
Seine Musik kann man am besten als bluesgeschwängerten Polit-Folk mit leichtem Country-Einschlag beschreiben und zeichnete sich durch seine poetisch-gesellschaftskritischen Texte aus - in seinen Songs besang Rodriguez ungefiltert die gesellschaftliche Missstände und soziale Ungleichheiten.

Rodriguez hatte sich in Detroit schon einen festen Ruf in der lokalen Musikszene etablieren können und wurde bei einem Club-Gig von Produzent Mike Theodore (arbeitete u.a. mit "Jerry Lee Lewis", "Boney M." und "The Cure") und Musiker Dennis Coffey (Gitarrist für u.a. "Isley Brothers", "Temptations", "Funk Brothers","Marvin Gaye", "Jackson 5") entdeckt.
Mike Theodore besorgte Sixto einen Plattenvertrag bei "Sussex Records", ein Sublabel des damaligen Musikgiganten "A&M Records", fungierte als ausführender Produzent und nahm mit ihm "Cold Fact" auf, welches von den Kritikern gelobt wurde.
Leider wurde das Debüt ein Flop und auch das ein Jahr später in London aufgenommene Album "Coming from Reality" erwies sich als Ladenhüter und auch trotz der lobenden Worte von Kritikern - die in ihm einen lyrischen Poeten sahen - wollte niemand die Platten des einzigartigen Musikers kaufen.
Dies hatte zur Folge, das Rodriguez von Clarence Avant (dem Gründer von "Sussex Records" und Direktor von "Motown Records") fallen gelassen wurde - laut Avant wurden von Sixto's Alben in den USA grade mal 5 oder 6 Exemplare verkauft.
Clarence Avant - der u.a. mit Künstlern wie "Bill Withers", "S.O.S. Band", "Janet Jackson", "Quincy Jones", "Stevie Wonder" oder "Michael Jackson" zusammenarbeitete - hat nie am Talent des Musikers gezweifelt und sagte heute rückblickend :

"Wenn ich 10 Künstler nennen sollte, mit denen ich zu tun hatte, wäre Rodriguez unter den ersten 5. Sowas hatte ich noch nicht gehört. Bob Dylan war leichte Kost dagegen!"

Aufgrund des kommerziellen Misserfolges kehrte Rodriguez dem Musikgeschäft den Rücken, arbeitete zeitweise als Sozialarbeiter, an einer Tankstelle und auf dem Bau.
Bis ins Jahr 1998 hatte der Ausnahmekünstler keine Ahnung das er in Südafrika innerhalb einiger Wochen zum Kultstar avancierte der berühmter und erfolgreicher war als "Elvis", "Beatles" oder die "Rolling Stones".

Eine Amerikanerin,die ihren Freund in Kapstadt besuchte, brachte ihm die Vinyl LP von "Cold Fact" mit und weil das Vinyl nirgends zu erwerben war machten Bootleg Kopien auf Audio-Kassetten in Kapstadt die Runde.
In Südafrika - einem von der Außenwelt völlig abgeschotteten Staat - erreichte die Apartheid zu dieser Zeit ihren Höhepunkt und Sixto sprach mit seiner Musik vielen weißen Südafrikanern aus der Seele.
Seine Songs wurdem zum Soundtrack der weißen Anti-Apartheids Bewegung in Südafrika und fast jeder kannte die Lyrics zu seinem Song "I wonder" und sang diesen auf der Straße.

"I wonder about the tears in childrens eyes

And I wonder about the soldier that dies

I wonder will this hatred ever end

I wonder and worry my friend

I wonder I wonder wonder don't you?"

Doch auch in Südafrika hatte es Rodriguez mit seiner Musik nicht leicht und sein Song "Sugar Man" wurde verboten.
Dies ging soweit das auf dem Vinyl der betreffende Song mit einem scharfen Gegenstand so stark verkratzt wurde, das er nicht mehr abspielbar war - so wurden Songs zu dieser Zeit in Südafrika zensiert um sicherzustellen das man den Song nicht im Radio hören konnte.
Da es keine unabhängigen Radiosender gab und die staatlichen das Monopol hatten blieb ein Airplay aus, machte die Platte für außenstehende aber noch interessanter.

Auch wenn Sixto Rodriguez innehalb kürzester Zeit in Südafrika zur rebellischen Ikone avancierte und er mehrfache goldene Auszeichnungen für seine Platte erhielt, wußte man über den Künstler selbst recht wenig.
Es gab als Indizien über diese mysteriöse Person lediglich das Plattencover zu "Cold Fact" und die Linernotes auf dem Cover und der Platte selbst.
Auch der Versuch in seinen Songtexten mehr über ihn herauszufinden war schier unmöglich und an den Orten die er besang - London und Amsterdam - gab es keine Spur vom phantomartigen Poeten.

Es rankten die unterschiedlichsten Gerüchte um ihn, in dem es unter anderem hieß er habe sich auf der Bühne erschossen oder bei einem Gig bei lebendigem Leibe vebrannt.
Auch von depressions bedingtem Selbstmord und Tod durch eine Drogenüberdosis war die Rede.

Spoiler, die dem Zuschauer das Vergnügen nehmen, gehören normalerweise nicht zu meinem Repertoire doch in diesem Falle liegt es ja eigentlich schon auf der Hand des diese Geschichte nicht ohne ein Happy End auskommt!
Nach dem Ende des Apartheid-Regimes Mitte der 90er-Jahre, machten sich die beiden Rodriguez-Fans, Stephen "Sugar" Segerman und Craig Bartholomew-Strydom, auf die Suche nach ihrem großen Idol.
Die Liedzeile "Met a girl form Dearborn“ aus dem Song "Inner City Blues" bringt den Journalisten schließlich an den richtigen Ort. 
Dearborn gehört zu Detroit und von da ist es nur noch ein kleiner Sprung bis zu einem der Produzenten des ersten Albums.
Bald fanden sie heraus das Rodriguez lebt und sich bester Gesundheit erfreut , alle Gerüchte und Mythen um seinen Suizid erwiesen sich als falsch.

Regisseur Malik Bendjelloul bescherrt mit seinem Debüt dem Fan eine Geschichte die so poetisch, bitter-süß, melancholisch, rührend und märchenhaft zugleich ist, das sich nicht einmal der kreativste Drehbuch Autor eine solche Geschichte hätte ausdenken können.
Bendjelloul, der 2006 als Rucksacktourist durch Afrika und Südamerika reiste - hielt Ausschau nach einer guten Geschichte und hätte keine bessere finden können.
Als er in Kapstadt auf Stephen Segerman traf - der ihm die Story über den Sugar Man erzählte - konnte der Regisseur selbst wohl nicht ahnen wie dies sein Leben und das aller involvierten verändern wird.

Die Spurensuche erzählt uns in 3 Segmenten - von den frühen 70gern bis ins die späten 1990ger - Sixto's Geschichte und nimmt den Zuschauer mit auf die Reise zu den wichtigsten Schauplätzen.
Im ersten Drittel wird die Geschichte über das vermeintliche Phantom ausführlich von den Ursprügen an aufgerollt, im zweiten Drittel kommen die beiden größten Fans zu Wort und nehmen uns mit auf ihren Spurensuche und im letzten Drittel wird auf den späteren Erfolg und Ruhm eingegangen.
Nach nur wenigen Minuten Laufzeit hat SEARCHING FOR SUGAR MAN den Zuschauer schon in seinen Bann gezogen und eine Equivalenz zu einem spannungsgeladenem Krimi etabliert sich recht schnell.
Mit ein Höhepunkt des Films ist wenn nach knapp 45 Minuten Laufzeit der legendäre Mythos selbst vor die Kamera tritt - zu diesem Zeitpunkt hat SEARCHING FOR SUGAR MAN den Zuschauer schon so in seinen Bann gezogen das einem Freudentränen in die Augen schießen!
Umso erfreulicher ist das sich Sixto auch noch als vollkommen bodenständiger, bescheidener, introvertierter und sehr intelligenter Mensch entpuppt!
Was nun folgt, ist ein märchenhaftes Ende einer Odyssee, die beinahe drei Jahrzehnte dauerte.

Um diese unglaubliche Geschichte zu erzählen bedarf es keiner wilden Schnitttechniken, ausgefallener Kameraeinstellungen oder noch nie dagewesener Bilder.
Die kuriose Geschichte für sich ist selbstredend und jede Entscheidung die Malik Bendjelloul traf war richtig!
Mangelndes Archivmaterial wurde mit minimalistischen Animationen und stillvollen Impressionen von Detroit in den 1970gern ausgeglichen und fügen sich nahtlos in das Gezeigte ein.
Das bei SEARCHING FOR SUGAR MAN die wichtigsten Songs von Sixto Rodriguez die Bilder komplettieren bedarf eigentlich keiner Erwähnung - es liegt auf der Hand das diese Doku ihren Fokus auch auf das Audiovisuelle legt.
Ich selbst zähle mich auch nicht unbedingt zu den Fans von der Singer/Songwriter a la Bob Dylan, Cat Stevens und Konsorten, doch die Musik von Sixto Rodriguez hat sich schon nach dem ersten Hören in mein Gedächtniss eingebrannt und dürfte somit auch andere Leute die mit Polit-Folk-Rock nicht viel anfangen begeistern!

Nicht zu Unrecht konnte SEARCHING FOR SUGAR MAN den Oscar in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm", den Preis für "Besten Ausländischen Dokumentarfilm" auf dem Sundance Festival und den "Publikumspreis" auf dem Melbourne Filmfestival gewinnen.
Ein überwältigendes Zeitdokument welches man bedenkenlos als eine der bewegendsten und mitreißendsten Musik-Dokus aller Zeiten bezeichnen kann!


10 von 10 goldenen Schallplatten

Zur DVD :

Das Label Rapid Eye Movies aus Köln hat den Fans schon zig Veröffentlichungen bescherrt und grade für Fans des asiatischen Film führt an den VÖs kein Weg vorbei.
Dem Label können wir es nun verdanken das sie sich der Veröffentlichung von SEARCHING FOR SUGAR MAN angenommen haben, damit dieser nicht in den Bereich der "unterschlagenen Dokumentationen" versinkt!

Da der Film aus dem Jahr 2012 ist dürfte klar sein das die Bildqualität des im Bildformat 1,78:1 (anamorph / 16:9) vorliegenden Films glasklar und kontrastreich ist.
Der Ton liegt in Dolby Digital 5.1 in englisch vor und zusätzlich werden natürlich optionale Untertitel in Deutsch geboten.

Als Bonusmaterial gibt es ein Interview mit dem Regisseur mit einer Laufzeit von 21:23 Minuten, ein Making-Of mit fast 30 Minuten Laufzeit, eine kurze Live-Performance von Sixto Rodriguez mit 3 Minuten Laufzeit, sowie den Trailer.
Die DVD kommt im Amaray mit Wendecove ohne FSK Logo und zusätlich liegt noch ein Faltposter mit Infos zum Film bei.
Eine rundum gelungene Veröffentlichung einer außergewöhnlichen Doku ohne jegliche Mankos.